Ein Likörchen für die gnä' Frau.

Ich bin sechsundreissig. Meistens fühle ich mich eher wie sechzehn, Montagmorgens manchmal wie sechzig. Aber trotzdem:

Kürzlich waren wir in einer wunderbaren Äppelwoi-Kneipe in Frankfurt. Ein lustiger Abend, Auftakt zu einem Familienfest mit der Prinzenfamilie und Gelegenheit für meinen Lieblingsgermanen, mich in hessische Gepflogenheiten einzuführen.

Wie gesagt: Äppelwoikneipe. Brechend voll, weil Freitagabend. Mein suchender Blick huschte umher. Fand eine Treppe, die zu einer Galerie zu führen schien. Ich steuerte darauf zu, umrundete dabei (graziös!) eine Stammtischrunde und guckte nach. Fehlanzeige.

Bevor ich mich noch enttäuscht abwenden konnte, stand einer der älteren Herren der Runde auf, deutete leicht schwankend einen Diener an und fragte: "Möchten Sie sich setzen, gnädige Frau?".

Der Prinz lachte schallend. Ich war leicht angesäuert, drückte aber (meiner Meinung nach) höfliche Ablehnung aus, plänkelte noch mit den Herren herum (die haben es ja nicht böse gemeint) und wurde danach den ganzen Abend lang einen Gedanken nicht mehr los:

Wann ist aus dem "Frollein" eine "gnädige Frau" geworden? Hab ich was verpasst? Eine rechtzeitige Botox-Kur beispielsweise? Bin ich jetzt tatsächlich im Alter, wo man mir Sitzgelegenheiten anbietet? Oder sehe ich in meinem geliebten Kaschmir-Kleidchen etwa schwanger aus?

 

Am Nachmittag darauf beim Familienfest. Ein grosses Hallo. Ich wurde eingeführt in die Grossfamilie und gleich herzlichstens aufgenommen. Kaum sassen wir, wurden auch schon Erfrischungen angeboten. Ich war vorgewarnt. Es würde reichlich zu essen geben. Zu trinken auch. Ich würde es langsam angehen lassen - das war der Plan.

In Wirklichkeit hatte ich aber schon ca. 10s nach dem Eintreffen ein Sektglas in der Hand. Zum Kuchen. Überhaupt, Kuchen... Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Und etwas später wurde dann Eckes und Eierlikör aufgefahren. Ich kannte ja beides nicht. Schmeckt äusserst gut, das kann ich versichern.

Aber als ich dann da zwischen zwei Tanten des Prinzen auf dem Sofa sass, mein Likörchen in der Hand, da wurde mir auf einmal mulmig zumute. Wie war das nochmal mit der gnädigen Frau?

2 Kommentare 4.2.14 22:51, kommentieren

Werbung


"dürfte ich bitte..." vs "ich kriege!"

Schon bei unserem ersten Date hat sich der Prinz meines Herzens dahingehend geäussert, dass er als zugewanderter Deutscher seine Kommunikation den örtlichen Gepflogenheit anpassen musste. Dies fiel ihm wohl nicht immer leicht - was ich mittlerweile gut verstehen kann.

Bei einigen Diskussionen wurde deutlich, dass die helvetischen Sprachgewohnheiten auch nach nunmehr acht Jahren Rätsel aufwerfen.

"seltsame Überkorrektheit" nennt es mein Prinz aus dem hohen Norden.

Mittlerweile verstehe ich seine Verwirrung durchaus. In unserem Land läuft Kommunikation anders ab als in Deutschland.

Auf verschlungenen Pfaden nähert sich der Schweizer an sich seinen Zielen. Immer das Gegenüber im Blick, sorgsam darauf bedacht, niemanden zu verletzen oder sich selbst durch unhöfliche Direktheit in Gefahr zu bringen. Und wehe, wenn das nicht verstanden wird. Dann sind wir immer sehr enttäuscht und verwundert, warum dem nach Myriaden von Floskeln kaum mehr als gehauchten Wunsch nicht entsprochen wurde.

Und wenn das mehr als einmal geschieht, dann wächst der Zorn und entlädt sich in einem gewaltigen Gewitter - was dann wieder vom Gegenüber nicht verstanden wird und es rätseln lässt, was genau jetzt diesen Ausbruch verursacht haben mag.

Mich selbst hat seine deutsche Direktheit am Anfang unserer Beziehung mehr als einmal verwundert. Nach kurzer Zeit aber schon empfand ich sie als erfrischend.

Wie wunderbar, einmal nicht zwischen den Sätzen und Gesten nach eindeutigen Wünschen und Ideen suchen zu müssen. Nicht ständig auf unsicherem Gesprächsboden wanken zu müssen, sorgsam darauf bedacht, ja nichts zu verpassen.

Der Deutsche an sich - und dass dies eine grobe Verallgemeinerung ist, ist mir klar - steuert direkt auf das Ziel zu und drückt es deutlich aus. Was das Gegenüber damit macht, ist dann seine Sache. Ein Nein wird akzeptiert. Logisch. Wir sind ja nicht im Kindergarten. Eigentlich...

So gesehen ist das berühmte "Ich kriege..." eine durchaus mögliche Form. Die aber von helvetischen Artgenossen selten als freundlich aufgenommen wird. Hier konjunktiviert man bis zum Erbrechen und bettelt förmlich darum, angehört zu werden.

Manchmal wünschte ich mir etwas mehr Direktheit von meinen Mit-Eidgenossen. Manchmal stört mich aber auch ein unverholen geäusserter Wunsch meines Freundes. Ob der nun an mich oder Dritte gerichtet ist.

Wie man es macht ist es nicht recht. Was solls - bin ja Schweizerin. :-)

 

PS: Der Prinz kommuniziert innerhalb der Schweizer Grenzen niemals nach hiesigen Gepflogenheiten "unhöflich". Kaum übertreten wir aber die Grenzen, "kriegt er" wieder, was er will.  Finde ich spitze!

4.2.14 22:33, kommentieren