Wir wollen jetzt ja nicht politisch werden... Oder doch?

 "D'Nase platt as Fänschter truckt, fahrt es chlises Meitli furt; truurig luegt es zrugg ond schluckt zweimal liislig läär.
Träne rolled übers Gsicht, Papi, seit es, isch es wahr; müend mer würkli usegah, gits e keis vilicht?
I de Schuel, da wüsseds nüt, dass ich nümme zrugg cho chan; zrugglah mues ich alli Lüüt, won ich gärn gha han.
Will im Pass kei Chrüzli stönd, ond mir drum kei Schwizer send; törf ich nümme si mit Chind, wo mich guet verstönd "

Das Lied: "Ciao, ciao svizzera" von André Stürzinger haben wir als Drittklässlerinnen in den Achtzigern inbrünstig gesungen. Schon damals hat mich der Text ganz tief bewegt.

Ich verstand schon als Neunjährige nicht , warum man einen Unterschied zwischen Menschen aufgrund ihrer Nationalität macht.

Heute verstehe ich es weniger denn je.

Ja, kulturelle Unterschiede gibt es. Darüber schreibe ich in diesem Blog. Das kann witzig, erstaunlich, befremdend, bereichernd sein. Beängstigend nicht. Nicht in meiner persönlichen Wahrnehmung.

Nun haben etwas mehr als 1.4 Millionen meiner Landsleute am letzten Sonntag gegen Masseneinwanderung gestimmt.

Ich reibe mir immer noch die Augen. Wahrscheinlich gemeinsam mit den anderen 1.4 Millionen Nein-Stimmenden. Und vielen - da gehe ich jetzt mal davon aus - Ja-Stimmenden, die nie mit diesem Ausgang gerechnet hätten. Und trotzdem ein "Ja" in die Urne geworfen haben.

"Um ein Zeichen zu setzen - genug ist genug", haben mir einige dieser Ja-Stimmenden erklärt.

Ja. Genug ist genug. Es reicht jetzt, liebe SVP. Es reicht, Menschen Angst einzujagen. Es reicht, irgendwelche hohlen, am Stammtisch eingefangene Phrasen mit schaurigen - beängstigendererweise in NSDAP-Farben gehaltenen - Plakaten zu untermauern. Es reicht, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen und irrationale Ängste zu wecken.

So. Jetzt ging es mit mir durch. Noch nach einer Woche hat sich meine Aufregung über diesen nationalen Irrsinn nicht gelegt.

Um es deutlich zu machen. Ich bin sehr für die direkte Demokratie. Es macht mich ungeheuer stolz und glücklich, in diesem wunderbaren Land zu leben und die Geschicke der Nation mitgestalten zu können. Auch wenn ich selber nicht aktiv politisiere - Abstimmungen und Wahlen verpasse ich nicht. Zu hoch schätze ich das Recht darauf, meine Meinung kundtun zu dürfen.

"des Volkes-Stimme hat gesprochen" - so wird nach einer Abstimmung oft argumentiert. Doch was ist eigentlich die Volksstimme? Was bedeutet es, wenn etwas mehr als jeder zweite Schweizer Stimmbürger dafür ist, die Einwanderung zu begrenzen?

Wovor haben diese Menschen Angst? Was bewegt sie? Was wollen sie uns damit sagen?

Vielleicht - und dieser Gedanke manifestiert sich in mir seit sich vor drei, vier Wochen eine Trendwende abgezeichnet hat - fürchtet man sich davor, die nationale Identität zu verlieren.

Aber ist die wirklich in Gefahr? Meiner Meinung nach gibt es in der Schweiz nur wenig "nationale" Identität. Man ist in erster Linie Luzernerin. Oder Zürcher. Oder Fribourgerin. Oder Berner. Schweizer ist man auch. Aber eigentlich nur ein Bisschen. Wenn Dario Cologna zwei Goldmedaillen für die Schweiz erobert, dann sind wir alle Schweizer. Und stolz.

Aber im Alltag?

Meine persönliche Welt ist eher geprägt von vielfältigen Einflüssen - nationaler und internationaler Art. Erstens, weil ich selber gerne reise und mich sehr für andere Kulturen interessiere. Zweitens, weil in meinem Umfeld nicht nur "reinrassige Schweizer" zu finden sind. Mich interessieren Menschen. Woher sie kommen, welche Hautfarbe sie haben, welcher Ethnie und Religion sie angehören, finde ich persönlich zweitrangig. Gemeinsame Werte sind wichtig!

Am letzten Samstag waren wir wieder einmal in Konstanz. Zum ersten Mal in meinem Leben spazierte ich zu Fuss über eine Landesgrenze. Wir haben in Kreuzlingen parkiert und sind durch die Fussgängerzone nach Deutschland gegangen. Zuerst war ich erstaunt. Dann verwundert. Und dann sehr gerührt. Wie schön ist es doch, dass wir uns nicht mehr mit Zäunen und Wachtürmen gegeneinander wehren müssen. Einander besuchen können, wann auch immer uns der Sinn danach steht.

Offenbar ist die Hälfte der Schweizer StimmbürgerInnen aber anderer Ansicht. Man möchte lieber wieder etwas mehr für sich sein. Das Fremde aussen vor lassen. Die Grenzen dicht machen.

Warum eigentlich? Ist es in den Augen der Ja-Sager tatsächlich so, dass wir Gefahr laufen, überrannt zu werden? Dass unsere wunderschöne Landschaft zubetoniert werden wird, "wenn es so weitergeht"? Dass die Deutschen uns die Plätze in der S-Bahn wegnehmen? Dass wir aufgrund der vielen Ausländer an der MIGROS-Kasse länger anstehen müssen?

Echt? Sind das tatsächlich die Probleme der Menschen in meinem Land?

Wir leben in wahrhaft paradiesischen Strukturen. Niemand muss hungern. Wir haben alle schöne Wohnungen, genügend zu essen und können in die Ferien fahren.
Die Sozialsysteme und das Gesundheitswesen funktionieren mustergültig.

Was bitte sehr wollen wir mehr? Oder was droht zusammenzubrechen?

Ich verstehe es nicht.

Und deshalb kann ich nur sagen: Wer unsere Kultur, unser Land und unsere Herzen erfüllen will mit seinem Anderssein, sei willkommen!

16.2.14 15:33

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